"GESCHLECHTSSPEZIFISCHES CYBERSTALKING UND –MOBBING"

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Die Präsidentin des Nationalrates und die Frauen- und Gleichbehandlungssprecher/innen der Parlamentsfraktionen luden anlässlich der internationalen Kampagne „16 Tage gegen Gewalt“ gemeinsam zur Veranstaltung "GESCHLECHTSSPEZIFISCHES CYBERSTALKING UND –MOBBING" in das Palais Epstein.

Internet und mobile Kommunikationsmittel sind heute nicht mehr wegzudenkende Bestandteile unserer Lebenswelten. Neben der Fülle an Möglichkeiten und Chancen sind damit zugleich auch Gefahren verbunden. Cyber-Mobbing, Cyber-Bullying sowie Cyber-Stalking sind nur einige jener Begriffe, die verschiedene Formen der Diffamierung, Belästigung und Nötigung beschreiben. Vielfach richten sich diese neuen Ausprägungen der Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Im Rahmen der Veranstaltung wurden präventive Strategien aufgezeigt und neue Handlungsfelder des Gewaltschutzes diskutiert.

Strategien gegen Cyber-Stalking und -Mobbing
Frauen und Mädchen sind Gewalt im Internet besonders häufig ausgesetzt

Gewalt an Frauen kennt viele Ausprägungen. Sie passiert zuhause, unterschwellig, auf offener Straße, im Beruf, täglich. Sie passiert aber auch online. Cyber-Mobbing, Cyber-Bullying oder Cyber-Stalking sind dabei einige jener neuen Begrifflichkeiten, die genau diese Formen von Gewalt im Netz beschreiben: Diffamierung, Belästigung oder auch Nötigung. Im Rahmen der internationalen Kampagne "16 Tage gegen Gewalt" sprachen gestern im Parlament die Pädagogische Leiterin von Saferinternet.at Barbara Buchegger, die Autorin und Profil-Journalistin Ingrid Brodnig sowie Alexandra Gredinger vom Landeskriminalamt Wien über geschlechtsspezifisches Cyber-Stalking und -mobbing. Geladen zur Veranstaltung hatte Nationalratspräsidentin Doris Bures hatten gemeinsam mit den Frauen-und GleichbehandlungssprecherInnen aller sechs Parlamentsfraktionen.

In ihrem Einleitungsstatement sagte Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek, Mobbing, Stalking, Shitstorms und Sexting seien zusätzliche Formen von Gewalt, denen Kinder und Jugendliche online ausgesetzt sind. "Sexting als besonders dramatische Entwicklung vor allem bei Jugendlichen wird zunehmend als Selbstverständlichkeit im Beziehungs- und Sexualleben angesehen", warnte Heinisch-Hosek. "Dadurch entsteht ein Gruppendruck, dem man sich oft nur schwer entziehen kann. Hier setzt möglichst früh beginnende Medienerziehung an, die informiert und aufklärt." Als Frauenministerin sei es ihr wichtig, präventive Maßnahmen zur Stärkung des Selbstbewusstseins von Mädchen zu fördern. Neben der umfassenden Medienbildung unterstütze sie daher Initiativen zur Gleichstellung der Geschlechter und zur Gewaltprävention.

SPÖ-Frauensprecherin Gisela Wurm betonte einleitend die Bedeutung bereits bestehender Gewaltschutzgesetze und der sogenannten Istanbul-Konvention, die vom Ministerkomitee des Europarats verabschiedet und von Österreich ratifiziert wurde. Sie soll dazu beitragen, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt einzudämmen beziehungsweise zu beenden. Das soll auch der im Jänner 2016 in Kraft tretende Paragraph gegen Cyber-Stalking im Strafrecht bewirken. Veranstaltungen wie diese, über alle Parteigrenzen hinweg, seinen ebenfalls wichtig, um dieses Ziel zu erreichen, so Wurm.

Buchegger: Kinder und Jugendliche fragen, was sie brauchen

Barbara Buchegger von Saferinternet.at beklagte in ihrem Impulsreferat, man habe durch die Entwicklung im Netz in Sachen Gleichberechtigung wieder einen Schritt zurück gemacht. So fänden viele Zwölfjährige heute etwa nichts dabei, Sexting-Fotos an Burschen zu schicken. Machen solche Fotos die Runde, belastet das betroffene Mädchen für immer. Denn dazu kommt, dass das Netz nicht vergisst. Cyber-Mobbing, "digitales Fertigmachen", sei mit dem klassischen Mobbing vergleichbar, so Buchegger. Weil viele junge Menschen digital leben und all ihre Lebenswelten ineinander greifen, werde nicht mehr unterschieden, ob etwas online oder offline passiert. Obwohl nur wenige Zahlen zum Thema verfügbar sind, gibt es laut Buchegger besonders viele Betroffene in zwei Altersgruppen: die der Zwölf- bis 13-Jährigen und die der 17-Jährigen. Was beim Cyber-Mobbing im Vergleich zum klassischen Mobbing dazu komme: Es findet rund um die Uhr statt. Man könne nicht die Türe zu machen und wenigstens hier eine Schutzzone haben, zusätzlich werde online sehr schnell eine sehr große Öffentlichkeit erreicht. Die Gruppe der Zuschauer sei überhaupt sehr wesentlich, denn all diese Phänomene funktionieren nur mit einem großen Publikum.

Für Mädchen sei gerade Sexting meistens schlimmer als für Burschen, weil sie dadurch in eine bestimmte Ecke gestellt würden, betonte Buchegger. Umgekehrt seien bei Cyber-Mobbing, -Bullying usw. nicht immer Burschen die Täter, räumte sie mit einem Klischee auf. Besonders warnte sie vor dem sogenannten Cyber-Grooming, dem gezielten Ansprechen von Kindern und Jugendlichen im Netz mit dem Ziel eines Missbrauchs. Auch hier seien die Opfer vor allem Mädchen. Ebenso sind Frauen häufiger Cyber-Stalking ausgesetzt, dem beharrlichen Verfolgen einer Person mit Hilfe der digitalen Welt, um deren Leben zu beeinträchtigen. Mit Begrifflichkeiten müsse man allerdings aufpassen, denn für Kinder und Jugendliche hätte das Wort Stalking häufig eine andere Bedeutung als für Erwachsene. In ihrer Welt "stalken" sie, wenn sie mitlesen, was ihre Freunde auf Facebook posten. "Wir dürfen nicht immer nach unseren Kriterien urteilen, sondern sollten die Jungen fragen, was sie brauchen, was sie gerne hätten", empfahl die Expertin. Daher sei es auch für Erwachsenen unerlässlich, möglichst viel Medienkompetenz aufzuweisen, sich damit zu beschäftigen, was es alles gibt und was wie genutzt wird.

Brodnig: Schutzmechanismen speziell für Frauen notwendig

"Wir haben ein Problem mit dem Hass im Internet", begann die Autorin und Medienredakteurin Ingrid Brodnig ihr Referat. Dieser Hass treffe vor allem Frauen. Als Beispiele nannte Brodnig Shitstorms etwa gegen die Radio-Moderatorin Elke Lichtenegger, gegen die Frauenministerin Heinisch-Hosek selbst und aktuell gegen Grünen-Obfrau Eva Glawischnigg mit gefälschten Zitaten. Natürlich hätten auch Männer Probleme mit Belästigungen und Bedrohungen im Internet, sagte Brodnig. Ein wesentlicher, geschlechtsspezifischer Unterschied sei jedoch, dass sich bei Frauen vieles schon darauf beziehe, dass sie Frauen sind. Besonders gerne sind AntifeministInnen in Zeitungsforen aktiv. Einen Grund dafür sieht die Journalistin darin, dass in Online-Foren zumeist der aktuellste Beitrag ganz oben steht und ihm dadurch mehr Bedeutung zukommt, als er vielleicht hat. Eine relativ kleine Gruppe von AntifeministInnen verschaffe sich online sehr viel Gehör, indem sie diese Mechanismen ausnutze. Als Problem bezeichnete Brodnig auch, dass solche Phänomene oftmals nicht ernst genug genommen würden. "Leg dir eine dickere Haut zu" oder "so ist halt das Internet", würden Opfer häufig hören. Allgemein herrsche im Netz eine härte Sprache als im Offline-Leben. Ein Faktor, der das bestärke, sei die Anonymität. Allerdings nur bedingt, denn wie beispielsweise Facebook zeige, verfassen viele Hass-Postings unter ihrem echten Namen. Ein weiterer Faktor ist die schriftliche Kommunikation, bei der bestimmte Signale wegfallen. In der Folge ist die Reaktion des Gegenüber nicht sichtbar. Von Angesicht zu Angesicht sei die Chance groß, dass jemand eine Aussage im nächsten Moment bereut. Im Netz dagegen fehle der Augenkontakt - und ein Smiley ersetze kein Lächeln.

Die gute Nachricht: Medien können User online vor Beschimpfungen und Dergleichen schützen, wenn sie es wollen. Brodnig nannte etwa einen spanischen Blog, der an oberster Stelle jene Postings zeige, auf die der Autor reagiert hat: "Nur weil ich viel poste, bin ich dort also nicht wichtiger." Ein sehr gutes Moderatoren-Team beschäftige Zeit Online. Verlinke dort zum Beispiel jemand auf eine obskure Seite, werde der Kommentar entfernt und an seine Stelle trete eine Erklärung, weshalb er gelöscht wurde. Den im Nationalrat beschlossenen Cyber-Stalking-Paragraphen hält Brodnig für gut. Gerade weil sich Diskriminierung im Internet fortsetze, brauche es speziell für Frauen Schutzmechanismen.

Gredinger: Erwachsene in Prävention und Sensibilisierung einbinden

Dass dieser Schutz bis heute nicht gegeben ist, bestätigte Alexandra Gredinger vom Fachbereich Gewaltprävention des Landeskriminalamts Wien. Dabei müsse immer klar sein, dass es jeden treffen kann. Mit ihren KollegInnen führt Gredinger Projekte zur Prävention von Cyber-Mobbing und Co in Schulen durch. Diese würden auch von LehrerInnen und Eltern gut angenommen. "Wir wollen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien sensibilisieren", erklärte Gredinger. Das passiert unter anderem, indem sich die ExpertInnen gemeinsam mit den SchülerInnen diverse Medien anschauen und diese aufarbeiten. Wichtig sei dabei immer die Einbeziehung der PädagogInnen. Und die der Eltern, denn auch sie sollen sehen können, was ihre Kinder im Netz machen. Lernen können sie dabei von den Jungen, die als "digital natives" mit dem Internet aufwachsen und ihr Wissen oft gerne teilen.

Möglichst früh mit Aufklärung beginnen

Ein Problem mit dem neuen Gesetz sehe sie noch, weil Identitäten im Internet häufig verschleiert würden, sagte Aygül Berivan Aslan (G) in der Diskussionsrunde. Es werde sich zeigen, ob das Gesetz wirklich hilfreich ist. Das alleine werde natürlich nicht helfen, es brauche auch Bewusstseinsarbeit und internationale Vernetzung, sagte Gisela Wurm (S). Ähnlich Dorothea Schittenhelm (V): Sie hoffe auf das neue Gesetz, zusätzlich aber brauche es eine medienpädagogische Ausbildung für LehrerInnen sowie Hausregeln in den Schulen. Wenn etwa sogar im Turnunterricht fotografiert werde, sei es wichtig, direkt in den Schulen einzugreifen. Man muss sich selbst vor Cyber-Stalking und Co schützen, sagte Carmen Schimanek (F) in ihrem Statement. Allerdings dürfe das nicht dazu führen, dass man seine Meinung nicht mehr sagt. Michael Pock (N) stellte die Frage, ob man mit Aufklärung beziehungsweise Bewusstseinsarbeit überhaupt früh genug ansetze, ob man damit nicht schon in den Volksschulen beginnen sollte. Sogar noch früher, antwortete Barbara Buchegger von Saferinternet.at, man müsse schon im Kindergarten beginnen, digitale Kompetenzen zu schaffen. Mehr Substanz und Wissenschaft für das Themenfeld wünscht sich Ingrid Brodnig. Zwar habe sie das Gefühl, es sei in den letzten zwei Jahren besser geworden, jedoch gebe es zu wenige Zahlen dazu. Dass die Grünen nun verkündet haben, Hasspostings anzeigen zu wollen, hält sie für gut. Denn nur Recht, das auch exekutiert wird, sei etwas wert. Dass es den jungen "digital natives" oft schwer fällt, Gefühle zu äußern, warf Alexandra Gredinger abschließend ein. Auch hier brauche es Kompetenzen, denn: "Empathie gibt's nicht im App-Store."

16 Tage gegen Gewalt

Zwischen 25. November, dem Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen und dem 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, liegen 16 Tage. In diesem Zeitraum machen weltweit Initiativen auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam. "From Peace in the Home to Peace in the World: Make Education Safe for All!" ist das Motto der diesjährigen internationalen Kampagne, die 1991 ins Leben gerufen wurde.

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